Im Verlauf der letzten
Dekade haben
sich die zeitlichen Ansprüche an die traditionelle
Marktforschung
radikal verändert. Wie [
Greenberg00]
zeigt, ist die Produktlebensspanne einer aktuellen Digitalkamera auf
knapp 6 Monate begrenzt, wobei 80% des Produktgewinns in den ersten
zwei Monaten nach Markteinführung realisiert werden. Durch
diese
Entwicklung ergibt sich für den Marktforscher die
Notwendigkeit,
Informationen über Kunden und Märkte
möglichst zeitnah
zu beschaffen und zur Verfügung stellen zu können.
Eine mögliche Lösung liegt in der
Durchführung von
Befragungen im Internet. Online-Befragungen sind mit geringen Kosten
verbunden und lassen sich schnell und zeitnah durchführen
–
meist können bereits wenige Tage nach Beginn der Befragung
erste
Ergebnisse präsentiert werden. Aufgrund dieser Eigenschaften
vertraten viele Branchenkenner zum Jahrtausendwechsel die Auffassung,
dass Online-Befragungen konventionelle Befragungen graduell
ablösen würden. Diese hohen Erwartungen haben sich
inzwischen
als nicht realistisch erwiesen, hauptsächlich aufgrund von
Zweifeln an der Repräsentativität solcher Erhebungen.
2
Repräsentativität
Lediglich die Vollerhebung garantiert ein sicheres
Ergebnis,
aufgrund des hohen Aufwands wird aber meist eine Teilmenge untersucht,
deren Merkmalsausprägungen stellvertretend erhoben werden. Die
Merkmalsverteilung innerhalb der Stichprobe soll wiederum den
erwartungstreuen Rückschluss auf die Merkmalsverteilung in der
Grundgesamtheit ermöglichen. Ein solcher Rückschluss
ist nur
dann sinnvoll, wenn sich die Verhältnisse in der
Grundgesamtheit
möglichst verzerrungsfrei in der Stichprobe widerspiegeln. Ist
dies der Fall, ist die Stichprobe repräsentativ [
Hauptmanns03].
Die entscheidende Bedingung hierfür ist der Zufallscharakter
der
Stichprobe, welcher sich auch im allgemeinen Verständnis als
bestimmender Faktor etabliert hat und hier nicht betrachtet wird. Statt
dessen wird ein anderer Faktor beleuchtet, der sich ebenfalls auf die
Repräsentativität auswirkt – die
Stichprobengröße.
3 Bedeutung der
Stichprobengröße
Für alle Zufallsstichproben gilt, dass eine
Vergrößerung des Stichprobenumfangs die
Wahrscheinlichkeit
einer größeren Abweichung der erfassten
Merkmalsverteilungen
von denen der Grundgesamtheit senkt. Bei nicht-zufallsgesteuerten
Auswahlverfahren oder Auswahlmängeln führt eine hohe
Teilnehmerzahl jedoch nicht zu einer hohen Aussagekraft [
Theobald00].
Ein klassisches Beispiel für einen Mangel im Auswahlverfahren,
der
auch durch eine sehr große Stichprobe nicht ausgeglichen
werden
konnte, ist das „Literary Digest Desaster“. Das
US-amerikanische Magazin Literary Digest versuchte 1936 den Ausgang der
Präsidentschaftswahl anhand einer Erhebung der Leserschaft des
Digest zu ermitteln, das als unpolitische Publikation Leser unter
Anhängern beider Lager besaß. Neben einer
postalischen
Befragung wurde zusätzlich eine Telefonbefragung
durchgeführt, basierend auf einer Zufallsauswahl anhand des
Telefonregisters. Die Befragung erreichte insgesamt mehr als 10
Millionen Wahlberechtigte, von denen sich etwa 2,3 Millionen
beteiligten. Auf der Basis dieser Ergebnisse prognostizierte der
Literary Digest einen Erdrutschsieg für den Republikaner
Landon,
tatsächlich erhielt jedoch der Demokrat Roosevelt das Mandat
für eine zweite Amtszeit.
Die große Abweichung lässt sich auf zwei
Verzerrungseffekte
zurückführen. Bei der Telefonbefragung wurde nicht
bedacht,
dass Telefone 1936 nicht flächendeckend verfügbar
waren und
sich der Großteil aller Anschlüsse in
einkommensstarken
Haushalten befand, die traditionell dem konservativ-republikanischen
Lager zuneigen. Es ist hervorzuheben, dass auch eine korrekt
durchgeführte Zufallsauswahl nicht zu einer
repräsentativen
Stichprobe führt, wenn sie aus einer Teilmenge entnommen wird,
in
der hinsichtlich der interessierenden Merkmale keine
Strukturäquivalenz zur Grundgesamtheit besteht. Dieses Problem
tritt in der Online-Marktforschung insbesondere bei der Rekrutierung
aus Online-Panels auf.
Der größere Anteil der Wahlberechtigten wurde auf
dem
Postweg erreicht, doch nur etwas mehr als 20% beteiligten sich an der
Stimmabgabe. Da das Merkmal „Motivation“ in der
Regel nicht
zufällig in einer beliebigen Personengruppe verteilt ist, ist
dadurch, dass die Angesprochenen selbst entscheiden, ob sie zur
Stichprobe gehören, eine Verzerrung zu erwarten. Die
Stichprobe
konstituiert sich in solchen Fällen gewissermaßen
selbst,
ein Vorgang, der als Selbstselektion bezeichnet wird und für
Online-Befragungen von großer Bedeutung ist.
Festzuhalten ist, dass keiner der beiden Effekte durch den
großen
Umfang der Stichprobe abgemildert wurde. Die
Stichprobengröße ist daher kein entscheidendes
Kriterium zur
Beurteilung der Untersuchungsgüte. Obwohl dies in der
Marktforschung bekannt ist, wird insbesondere in der
Online-Marktforschung häufig mit großen
Teilnehmerzahlen
für Ergebnisse geworben. Durch die Hervorhebung der
Stichprobengröße wird diese den Konsumenten
gegenüber
implizit als Indikator für Qualität und
Repräsentativität präsentiert [
Hauptmanns03].
4 Zusammenfassung und
Fazit
Neben dem Zufallscharakter der Stichprobe beeinflusst auch
die
Stichprobengröße die
Repräsentativität, deren
Bedeutung wird aber häufig überschätzt. Es
ist
festzuhalten, dass bei nichtzufälliger Stichprobenziehung auch
große Stichproben keinen positiven Effekt auf die
Repräsentativität ausüben. Es muss daher im
Interesse
der seriösen Online-Marktforschung liegen, diesen Umstand
stärker ins öffentliche Blickfeld zu rücken
und nicht
Probleme im Auswahlverfahren hinter hohen Teilnehmerzahlen zu verbergen.
[Greenberg00] Greenberg, D.
(2000).
Internet economy gives rise to realtime research, Quirk's Market
Research Review, Issue 7/2000.
[Hauptmanns03] Hauptmanns, P. & Lander, B. (2003). Zur
Problematik
von Internet-Stichproben. In A. Theobald, M. Dreyer & T.
Starsetzki
(Hrsg.), Online-Marktforschung (S. 27-40). Wiesbaden: Gabler.
[Theobald00] Theobald, A. (2000). Das World Wide Web als
Befragungsinstrument. Wiesbaden: Gabler.